Hub Südostasien

Interview mit Dr. Michael Epprecht, Senior Advisor, CDE

Dr. Michael Epprecht lebt und arbeitet seit fünfund­zwanzig Jahren in Laos und Südostasien. Er arbeitet mit der Wyss Academy am Aufbau des jüngsten der vier Hubs in Südostasien.

Portrait Epprecht

Dr. Michael Epprecht

Leiter des CDE-Forschungs- und Entwicklungsprogramms der Universität Bern in Laos

Der Hub Südostasien ist der jüngste Hub der Wyss Academy und dennoch haben Sie dort bereits viel systemisches Wissen gesammelt. Wie war das möglich?

Der Wyss Academy Hub in Südostasien baut auf der langjährigen Arbeit des Centre for Development and Environment (CDE) und seiner Partner in Laos auf. Dies ist eine sehr wichtige Grundlage für unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse. Das CDE hat mit verschiedenen Bereichen der Regierung von Laos, aber auch eng mit internationalen Organisationen und NGOs zusammengearbeitet, um die integrierte Entwicklungsanalyse und -planung in den verschiedenen Sektoren zu unterstützen. Daraus resultierte eine integrierte Informations- und Wissensbasis, die zusammen mit dem soliden institutionellen Netzwerk eine wichtige Grundlage für die Zusammenarbeit mit der Wyss Academy bildet. So lässt sich beispielsweise eine systematische Analyse dieser Informationen zur Quantifizierung eines breiten Leistungsspektrums von verschiedenen Ökosystemen für unterschiedliche Nutzer:innen mit einer partizipativen Bewertung der Nachfrage nach verschiedenen Ökosystemdienstleistungen durch unterschiedliche Stakeholder kombinieren. Daraus resultieren neue Erkenntnisse über den gegenseitigen Nutzen sowie über Bereiche, in denen ein gegenseitiger Austausch möglich ist.

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Mittels «citizien science» Ansätzen gesammelte geografische Daten und die lokale Befragung von Haushalten zeigen verschieden Bedürfnisse und Sichtweisen. (© Phetsaphone Thanasack, 2020; Household survey team meeting)

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Paek District, Xieng Khuang Province. © Albrecht Ehrensperger, Centre for Development and Environment, University of Bern

Wie sieht die Vernetzung mit den Forschungsteams in Bern aus?

Da die Wyss Academy noch jung ist, wurden ihre eigenen Forschungsteams erst kürzlich zusammengestellt. Das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR), das Institut für Pflanzenwissenschaften (IPS) und das Zentrum für nachhaltige Entwicklung und Umwelt (CDE) erbrachten als Interims-Forschungsteams an der Universität Bern wissenschaftliche Dienstleistungen. In den vergangenen zwei Jahren hat unser Team in Laos in verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen eng mit diesen Teams in Bern zusammengearbeitet. Dies insbesondere mit dem OCCR bei der Modellierung des Klimawandels, mit dem IPS in der Biodiversitätsforschung und mit dem CDE in Bern in den Bereichen Landwissenschaften, Landmanagement und sozioökonomische Aspekte. Jetzt, wo die neuen Forschungsteams an der Wyss Academy bereit sind, wurde die Planung der künftigen wissenschaftlichen Zusammenarbeit in Angriff genommen. Wichtig wird sein, dass sich all diese Forscher:innen – Professor:innen, Postdocs und Ph.Ds – vor Ort ein Bild machen, damit sie die Herausforderungen und Möglichkeiten in den verschiedenen Kontexten in Laos wirklich verstehen. 

Wie können die Erkenntnisse, die Sie gewinnen, als Grundlage für den «Wyss Academy Ansatz» dienen?

Die traditionelle Multifunktionalität der Landschaften in Laos ist sehr wichtig, doch die Homogenisierung der Landschaften schreitet immer schneller voran, da grosse Teile von Laos einseitig wirtschaftlich entwickelt und genutzt werden. Die natürliche multifunktionale Produktion als Lebensgrundlage in ländlichen Gebieten verändert sich sehr schnell und es ist bereits viel verloren gegangen. China und andere Akteure investieren massiv in die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Gebieten von Laos. Dadurch verändert sich die Landnutzung, was enorme Auswirkungen auf die Umwelt und natürlich auch auf die Menschen selbst hat. Durch unsere Analysen liefern wir solide wissenschaftliche Erkenntnisse und Informationen, um aufzuzeigen, wie wichtig die Multifunktionalität der Landschaft und die vielfältigen Dienstleistungen sind, die die unterschiedlichen Landschaften für die verschiedenen Nutzer:innen erbringen. Die Informationen zeigen, was durch bestimmte Landnutzungs- oder Landbedeckungsänderungen potenziell gewonnen werden kann, aber auch, was durch geplante wirtschaftliche Entwicklungen unweigerlich verloren gehen wird. Diese Informationsbasis kann das Engagement und die Diskussion zwischen verschiedenen Stakeholdern erleichtern und fördern, um nachhaltigere Ergebnisse für Mensch und Natur zu erzielen.

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Der wirtschaftliche Druck auf die Landressourcen in Savannakhet nimmt auch durch Megaprojekte zu. (© Michael Epprecht, Centre for Development and Environment, University of Bern, 2020; Zellstoffverarbeitungsfabrik, Provinz Savannakhet)

Eine lokale Initiative in Laos hat Ihnen beispielsweise auch geholfen, mit der Privatwirtschaft zusammenzuarbeiten. Können Sie uns mehr darüber erzählen?

Die Privatwirtschaft ist enorm wichtig bei der Nutzung der natürlichen Ressourcen in Laos. Eine lokale Initiative, die wir unterstützen – die Engagement-Plattform Pha Khao Lao –, wurde vor einigen Jahren ins Leben gerufen. Die Online-Plattform ermöglicht es den Nutzer:innen, Informationen über das Vorhandensein und die Nutzung der vielfältigen natürlichen NTFPs (Nichtholz-Waldprodukte) in Laos zu dokumentieren und abzurufen. NTFPs sind für das Einkommen der lokalen Bevölkerung im ländlichen Laos wichtig, sie sind aber auch als begehrte wirtschaftliche Nischenprodukte auf den lokalen, regionalen und globalen Märkten von grosser Bedeutung. Die Plattform ist sowohl in vorgelagerten als auch in nachgelagerten Bereichen wertvoll. Einerseits unterstützt sie die nachhaltige Nutzung von NTFPs, indem sie Möglichkeiten für eine nachhaltige Ernte und Nutzung dieser Produkte und die Entwicklung von Wertschöpfungsketten aufzeigt. Andererseits stellt sie sicher, dass Wertschöpfungsketten fair aufgebaut werden und dass fortschrittliche Unternehmen diese Produkte nachhaltig nutzen können, sodass auch die lokalen Communitys profitieren. Die Plattform ist so konzipiert, dass sie von den lokalen Akteur:innen direkt genutzt werden kann. Gleichzeitig bezieht sie die Privatwirtschaft auf lokaler und globaler Ebene in die Informationsbeschaffung mit ein und macht sie so zu Unterstützern, was langfristig zum Erfolg der Plattform beiträgt.

Wie tragen Sie dazu bei, dass nachhaltige Wertschöpfungsketten entstehen?

Gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort arbeiten wir seit langem mit den lokalen Communitys zusammen und unterstützen sie auf dem Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und Produktion. Aktuell gehen wir auf den privaten Sektor zu – z. B. lokale Restaurants, Verarbeiter lokaler Produkte und Einzelhändler, aber auch internationale Akteure –, damit sie sich aktiver für die Nachhaltigkeit der gesamten NTFP-Wertschöpfungsketten einsetzen, um den langfristigen Nutzen für alle zu gewährleisten. Ein Beispiel: Aus einem Baum, der in den Sekundärwäldern von Laos wächst, lässt sich Benzoeharz gewinnen, das beispielsweise in der Parfümindustrie verwendet wird. Es hat einen sehr hohen Wert pro Hektar, mehr als Mais beispielsweise. Wir helfen dabei, Wege zu finden, wie sich diese Ressourcen nachhaltig und zum Nutzen der lokalen Landnutzer:innen bewirtschaften lassen, indem wir sie mit Akteuren entlang der Wertschöpfungskette zusammenbringen. Denn die Bauern und Bäuerinnen haben keinen Zugang zur Parfümindustrie in Paris. Wir können als Vermittler unseren Einfluss und unsere Verbindungen für sie nutzen.

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Challenge 2

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